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Mein Roman, den jemand anderer schrieb.

18. Dezember 2007, 21:23.

...oder: warum ich Thomas Glavinic hasse.

Ich hatte mir ja als Kind in den Kopf gesetzt, ich sei zur Schriftstellerin geboren. (Und zur Detektivin, aber das lag wahrscheinlich am akuten Micky-Maus-Einfluss.) Mein heimlicher Größenwahn wurde durch die ständigen Lobeshymnen meiner Deutschlehrerinnen über die Jahre hinweg nur unterstützt.

Gloria.

23. Oktober 2007, 15:12.

Weil wir gestern beim Pokern nochmal über das Gloria im Unterhemd sprachen, und weil ich es dann gesucht und wiedergefunden und wieder viel zu oft gelesen habe, und weil es einfach so wunder-, wunderschön ist:

“Er hatte die Augen geschlossen, strich die Saiten und spielte und ich stand quer hinter ihm und sang und wünschte, ich wäre ein Kontrabass.”

Heimweg II.

16. Oktober 2007, 21:16.

Sie hat ihr Fahrrad unter sich, das hellblaue, das älter ist als sie selbst. Spätestens auf den letzten zweihundert Metern nach der Wiese, die in der gesamten Nachbarschaft „die große Wiese“ heißt, obwohl sie wirklich nicht besonders groß ist, aber auf der sie wahrscheinlich ein Viertel ihrer Kindheit verbracht hat, und wo sie einmal drei Tage lang alle zusammen eine geniale Miniaturstadt aus Lehm bauten; spätestens nach der Wiese also kommen die Gedanken. Wie wird es heute sein? Ein schlechter Tag? Oder ein guter? Aber alles falsch, wie ein eitriges Pickelgeschwür mit Make-up überdeckt, a fucking happy family, so heuchelnd, dass man die guten penne al pomodoro con olive e capperi gleich wieder auskotzen möchte, wenn es nur nicht so schade drum wäre.

Heimweg I.

15. Oktober 2007, 16:15.

Sie wartet immer schon mit der Hand am Hebel. Und kaum kommt die U-Bahn schwerfällig zum Stehen und pufft, als müsse sie den Dampf aus ihren Kesseln lassen, flieht sie auf den Bahnsteig. Meistens ist sie die erste auf der Treppe, weil sie immer im entsprechenden Waggon fährt, dem ersten ganz vorne, und in dem wiederum ganz hinten stehend, bei der dritten Tür. Keine unnötigen Wege, time is money, oder einfach nur zeigen that I’m not a tourist, I live here. Beim Stiegensteigen positioniert sie die große Uni-Tasche automatisch ein bisschen nach hinten, damit ihr Hintern sich nicht direkt vor jemandes Gesicht ausbreitet, ein Handgriff, der für sie so natürlich ist wie sich mit der linken Hand durchs Haar zu streichen, wenn sie mit jemandem spricht.

Gan liest Val.

29. September 2007, 18:41.

Wow. Ich wurde vertont. Auf wunderbare Weise.

Danke Gan. Wirklich. Du hast echt Talent.

La vita è una lasagna.

7. Dezember 2006, 14:29.

Mein stream of consciousness funktioniert nur mit ADSL-Verbindung, der train of thought ist schon abgefahren, und ich hatte beim Föhnen einen genialen Einfall, der jetzt wie weggeblasen ist. He keeps his wallet in his front pocket, bei manchen Leuten besteht Verdacht auf Gehirnliposuktion, das schimmlige Parmesanstück ist in der Schachtel mit den Spülmaschinentabs gelandet, Paolo Conte singt sono io la musica, und in der Bräuhausgasse pflanzen sie Bäume. Alles beim Alten.

Von Trenitalia, Teenagern und Titelstorys.

14. September 2006, 15:17.


Mal wieder rammelvoll, der verdammte Zug. Weil es kein Regionalzug ist, sondern der Eurocity nach München. Die germanischen Touristen zerquetschen uns arme Pendler mit Koffern und Tüten Sackln und Taschen und Jacken und Büchern und Chips und großen Hintern und weißen Socken.

Aber ich hab mich am Bozner Bahnsteig 3 mal wieder an den perfekten Punkt gestellt: Die Zugtür hält vor meiner Nase. Rein ins zweite Abteil, noch viel Platz, es füllt sich bald. Aber dann kommen sie, die Touris, die natürlich reserviert haben, und das halbe Abteil muss wieder aufstehen.


Sara

3. April 2006, 16:13.

“Ich geh eine Runde machen.”

Der Satz ist fest eingebrannt ins Kollektivgedächtnis der gemeinsam verbrachten Teenagerzeit, favorisiert von der ringförmigen Architektur der Provinzstadtdisco. Er funktionierte aber genauso gut im langen, schlauchförmigen Pub, in dem die Samstagabende immer anfingen, oder am Vormittag in den hellen, offenen Gängen des Schulgebäudes.

Bürgerstubenblues oder: die unerschütterliche Logik des Osterhasen.

14. Februar 2006, 16:44.

An der dunkelbraun vertäfelten Wand, an drei goldfarbenen Haken, kleben sechs schwarze und ein grauer Handschuh und eine schwarze Mütze, die wahrscheinlich in den letzten paar Wintern verloren und nur halbherzig gesucht wurden.

Unterm Handschuhfriedhof steht die Kühlvitrine, mal mit Industrietiramisu gefüllt, mal mit Faschingskrapfen und Konditortorten, darauf ein Stapel Glasteller und ein Stapel Pappteller, jeweils mit gelben Servietten belegt, bereit zum Befülltundserviertwerden. Hässlich wie die großen Sonnenblumen aus Kunststoff, die neben der Kühltruhe stehen. Aber praktisch. Wer weiß, nach welchen Kriterien entschieden wird, welcher Gast Pappteller vorgesetzt kriegt und wer seinen Sahnekuchen auf Glas drapiert bekommt.

Stationen.

29. Januar 2006, 18:41.


Es ist ja so, dass wir auf die Welt purzeln mit einem unbegrenzten Selbstbewusstsein und die nächsten zehn bis achtzehn Jahre damit verbringen, uns zu demontieren und desillusionieren zu lassen.

In einem meiner Lieblingsbücher sieht sich das Baby Amélie als Gott, nein, sie ist Gott, der Ursprung und das Ende allen Lebens, zufrieden in gleichgültiger Unendlichkeit dahinvegetierend.

Cheops war ein Muttersöhnchen.

8. Januar 2006, 18:09.

Warum sehen manche Menschen am Morgen gleich gut oder schlecht aus wie am Abend und andere nicht?

Egal, anyway konfuse verschwommene Wehmut meinerseits, irgendwie, obwohl Wehmut heimatfilmig klingt, eher vielleicht Angst oder das Gefühl von Unzulänglichkeit, schönes Wort übrigens, auch in anderen Sprachen, inadeguatezza, jedenfalls wahrscheinlich beides.

A Christmas Carol, slightly verspätet.

4. Januar 2006, 23:48.

Früher war es noch schöner. Wir wohnten noch im alten Haus, ich war Kind. Um siebzehn Uhr gingen mein Vater und mein Onkel hinauf in die Mansarde, wo mein letztes damals noch lebendes Großelternteil wohnte, und zurrten Oma Dolly mit ihrem hellblauen Bademantelgürtel an ihrem Stuhl fest. Nein, kein satanistisches Sadomasoritual. Schlimmer. Weihnachten.

Sie trugen die gesicherte Oma zwei Stockwerke hinunter und setzten sie in der Küche ab. Jedes Jahr warteten wir dort, jedes Jahr ging mein Vater irgendwann aufs Klo, und jedes Jahr ertönte genau in dem Moment das Glöckchen: das Christkind war da! Ich dürfte als Kind nicht besonders helle gewesen sein. Aber schön wars, der Christbaum leuchtete und die Päckchen auch und ich am meisten, und wie von Geisterhand ertönte ein himmlisches “Stille Nacht”, wir hörten andächtig die Frohbotschaft über Jesu Geburt, umarmten uns alle, und dann kam Essen und Spielen.

Tales of Ordinary South Tyrolean Madness.

22. Dezember 2005, 18:14.

Nun, man sitzt da so im Zug von Bozen nach Brixen, der noch im Bozner Bahnhof auf bessere Zeiten wartet, hat sich zuvor zwanzig Minuten lang am Bahnsteig den Allerwertesten abgefroren und vermisst bereits den gerade verabschiedeten Liebsten.

Der auf der anderen Seite sitzende attraktive Enddreißiger bis Mittvierziger (ich kann Alter so schlecht einschätzen) in orangefarbenen Jeans fragt sogleich: “Ist das neu?” und meint damit Speedy, mein Snowboard. Ich antworte freundlich (er ist wirklich attraktiv) mit “Nein, es ist nicht neu, schon etwas ramponiert, hier.” Er hakt nach: “Also kein Weihnachtsgeschenk?” Nein, sage ich, schon fünfsechs Jahre alt, aber pfleglich behandelt.

Der Himmel über Wien.

19. November 2005, 19:43.

Als das Kind Kind war.Hab mich gerade sauerstoffsuchend aus meinem Fenster im achten Stock gelehnt und ganz deutlich Männerparfüm gerochen. Nebenbei eins, das ich mag. So, als stünde da jemand Wohlriechendes genau vor oder neben mir. Was ja in der bloßen Luft, acht Stockwerke hoch, schon leicht ins Unmögliche tendiert. — Liebe Güte, ich glaube sogar, mein Vater benutzt das selbe Parfüm. Langsam wird das spooky.

Theorie eins: Die Wiener Windkonstellationen bringen Männerduft von irgendwoher an mein Zimmerfenster. Vielleicht vom Haus gegenüber, das aber recht weit weg ist. Oder vom Zimmer unter meinem, aber streichen Novemberwinde senkrecht Hauswände in Innenhöfen hoch?

An ÖBB Train Named Desire.

2. November 2005, 20:16.

Heute offline gebloggt, sozusagen. In Wagen 309, Platz 066, Gegenfahrtrichtung. Auf die Rückseite der Überweisungsbestätigung für den Studienbeitrag schreibend. Anyway:

Beim Bahnfahren in feuchtkalt vorbeiziehender Dämmerung überlagert sich, wenn man das Glück eines Fensterplatzes hatte, ungefähr eine Stunde lang das bunte Spiegelbild des Abteils mit der fast dunklen, flachen Landschaft des monarchienostalgischen Lands der Berge.


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