Mein Roman, den jemand anderer schrieb.
18. Dezember 2007, 21:23....oder: warum ich Thomas Glavinic hasse.
Ich hatte mir ja als Kind in den Kopf gesetzt, ich sei zur Schriftstellerin geboren. (Und zur Detektivin, aber das lag wahrscheinlich am akuten Micky-Maus-Einfluss.) Mein heimlicher Größenwahn wurde durch die ständigen Lobeshymnen meiner Deutschlehrerinnen über die Jahre hinweg nur unterstützt.
Und irgendwann, mit 16 oder so, setzte ich mich tatsächlich mal hin, um meinen ersten Roman zu schreiben und — mein damaliges Lebensziel — eines dieser Literaturwunderkinder zu werden. Natürlich begann ich meinen Roman nicht am Anfang, sondern mit irgendeiner Szene mittendrin. (Das ist übrigens auch heute noch meine Art des Schreibens.) Ich weiß noch, dass ich diese Szene auf rosa Karopapier schrieb, obwohl ich rosa immer schon gehasst habe, aber ich hatte gerade nichts anderes zur Hand.
Als wir dann zu Hause den ersten PC hatten, schrieb ich noch eine Szene. Und noch eine. Und überarbeitete die bisherigen. Und im Herbst 2003, als ich ganz frisch in Wien war, setzte ich mich hin und schrieb einen Anfang.
Dieser Anfang ging ungefähr so: Die Protagonistin wacht eines Morgens auf und stellt mit immer größerem Schrecken fest, dass Wien plötzlich völlig menschenleer ist. Zuerst wundert sie sich nur darüber, dass ihre Mitbewohnerin nicht da ist, dass es keine neuen Nachrichten im Internet gibt, und dass es draußen so ruhig ist. Dann gerät sie langsam in Panik: Das Handy erreicht niemanden, Radio und Fernseher sind tot, mitten auf den Straßen stehen leere Autos, Busse und Straßenbahnen, und die U2 Richtung Karlsplatz hängt irgendwo zwischen den Stationen Rathaus und Volkstheater fest.
Nun wäre das beileibe nicht die erste Ich-bin-der-letzte-Mensch-auf-Erden-Geschichte gewesen. (Ich gebe zu, ich hatte gerade Marlen Haushofers Die Wand gelesen und geliebt und war davon sehr beeinflusst.) Aber vielleicht wäre es die erste solche Geschichte gewesen, die in Wien gespielt hätte. Und ich freute mich schon darauf, die Protagonistin grausam zum verwaisten Westbahnhof zu schicken und ihr langsam einen völligen Verfolgungswahn zu verpassen.
Ich kam aber nicht weit. Ich hatte kapiert, dass ich eben nicht zur Schriftstellerin geboren bin, mir fehlten Motivation und Selbstbewusstsein, und irgendwie schien mir der Beginn meines Romans plötzlich schrecklich platt und unplausibel und unoriginell. Was er ja irgendwie auch ist. (Zu meiner Verteidigung: Zumindest wusste ich bereits, wie ich diesen last-person-on-earth-Ansatz mit den restlichen Szenen meines Romans verbinden würde.)
Also versauerte mein Romanfötus undankbarst in einem alten Worddokument mit dem schalen Dateinnamen “Projekt_Anfang.doc”. Und ward zwar nicht vergessen, aber mental beiseite geschoben.
Bis… ja, bis. Bis 2006 das Undenkbare geschah: Es erschien der Roman Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic. Ich zitiere aus der Kurzzusammenfassung von amazon.de:
Jonas ist allein. Zuerst ist es nur eine kleine Irritation, als die Zeitung nicht vor der Tür liegt und Fernseher und Radio nur Rauschen von sich geben. Dann jedoch wird Jonas klar, dass seine Stadt, Wien, menschenleer ist. Ist er der einzige Überlebende einer Katastrophe? Sind die Menschen geflüchtet? Wenn ja, wovor? Jonas beginnt zu suchen. Er durchstreift die Stadt, die Läden, die Wohnungen und bricht schließlich mit einem Truck auf, um nach Spuren der Menschen suchen. Mit wachsender Spannung erzählt Thomas Glavinic davon, was Menschsein heißt, wenn es keine Menschen mehr gibt.
Glavinics Roman spielt nicht in irgendeiner menschenleeren Stadt. Er spielt in einem menschenleeren Wien. Das war ein ziemlicher Fausthieb in den Magen. Ich habe das Buch nie gelesen, und ich werde es nie tun. Aber ich war wahnsinnig schadenfroh beim Lesen der Amazon-Rezension:
Glavinic macht es sich aber zu einfach und missachtet teilweise die innere Logik seines Entwurfs. Wenn wirklich alle Menschen über Nacht und auf einen Schlag verschwunden sind, warum sind dann alle Fahrzeuge sauber eingeparkt und stehen nicht etliche auf den Straßen und Autobahnen herum? Warum sind manche Geschäfte, Lokale und Büros unverschlossen und andere nicht? Und warum bloß funktionieren auch Wochen nach dem Ereignis ausgerechnet Telefon- und Stromnetz immer noch?
Hehe. Ich hatte an diese Dinge gedacht! Meine Telefone waren tot, meine Straßen waren voll von Fahrzeugen! Das ärgerte mich beinahe mehr als alles andere: Der (zugegeben wieder größenwahnsinnige) Gedanke, dass meine Version dieser Geschichte vielleicht nicht die schlechtere gewesen wäre.
Ich hasse den bösen Herrn Glavinic seitdem also, denn das bin ich dem begrabenen Romanbaby schuldig. Aber ich wusste gleich, dass es im Grunde meine Schuld war. Ich hatte Glavinic drei Jahre voraus, verdammt, und ich schenkte sie ihm. Drei Jahre, in denen “Projekt_Anfang.doc” irgendwann in den Dateiordner “Altes Zeug” verschoben wurde, drei Jahre, in denen ich mir immer wieder dachte, ich sollte das Ding wohl mal wieder in Angriff nehmen, drei Jahre, in denen Thomas Glavinic meinen Roman schrieb.
Manchmal bin ich mir selber unheimlich.
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Jetzt wollen wir natürlich alle deinen Roman lesen (oder die ersten Kapitel).
Du könntest Ihn ja Episodenweise auf deine Seite stellen. Sei dein eigener Verleger. Macht ja die Jelinek auch ;-)
— derFrankie Dez 19, 14:14 #
Hehe, niemals! Die Fragmente triefen nur so von Pathos und Unlogik, und ich habe schließlich (hüstel) einen Ruf zu verlieren. :)
— val Dez 21, 12:48 #