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Heimweg II.

16. Oktober 2007, 21:16.

Sie hat ihr Fahrrad unter sich, das hellblaue, das älter ist als sie selbst. Spätestens auf den letzten zweihundert Metern nach der Wiese, die in der gesamten Nachbarschaft „die große Wiese“ heißt, obwohl sie wirklich nicht besonders groß ist, aber auf der sie wahrscheinlich ein Viertel ihrer Kindheit verbracht hat, und wo sie einmal drei Tage lang alle zusammen eine geniale Miniaturstadt aus Lehm bauten; spätestens nach der Wiese also kommen die Gedanken. Wie wird es heute sein? Ein schlechter Tag? Oder ein guter? Aber alles falsch, wie ein eitriges Pickelgeschwür mit Make-up überdeckt, a fucking happy family, so heuchelnd, dass man die guten penne al pomodoro con olive e capperi gleich wieder auskotzen möchte, wenn es nur nicht so schade drum wäre.

Schlechter oder guter Tag — es ist ein Glücksspiel, fifty-fifty chance, kein anderer Joker, niemand anzurufen, kein Publikum zum Befragen, weil es dem ja völlig egal ist, wenn wieder mal eine Idylle platzt im idyllischsten Ländchen der Welt, in dem es trotz Kasknödeln gleich viel Hass gibt wie sonstwo; vielleicht mehr, weil er ja eingeschlossen ist in einem Ring aus Bergen, in a burning ring of fire, und nicht rauskann aus diesem Land mit den technicolorgrünen Wiesen und der interstellar hohen Selbstmordrate; wie letztens, als wieder eine Pressemitteilung von der Rettung kam „Egna, uomo investito da treno“, ein pdf-Dokument mit der üblichen Checkliste: ferito lieve 0, ferito medio 0, ferito grave 0, deceduto X, sehr klinisch, und der Checklistenselbstmord stand tags darauf in keiner Zeitung, denn über sowas spricht man nicht; wenn es um Alpenunglück geht, ist Reden inside this fucking ring of mountains nicht Gold und auch kein Silber; und deshalb wird auch nicht mehr viel geredet über die kaputte Idylle in dem schönen großen Haus am Stadtrand, dem sie sich gerade nähert und dessen Fassade, efeuberankt, einen grünen Mantel des Schweigens und Lächelns und Kaffeetrinkens über alles breitet.

Das große Wohnzimmerfenster ist wie ein Schlund, in den sie sich gleich freiwillig stürzen wird, ganz schön blöd, denkt sie. Links um die Ecke in die Garage, immer darauf achtend, das Fahrrad nicht an die Wand zu lehnen, damit es irgendwelche Viecher nicht allzu leicht erreichen können, denn eines könnte ihr ja irgendwann bei voller Fahrt über die Hand krabbeln. Und jedes Mal die innere Debatte: durch den Keller hinauf ins Haus, oder von außen und durch die Haustür? Meistens gewinnt die Haustür, weil eine Rampe im Freien sympathischer ist als Kellertreppen; und wenn sie sich erinnert, nimmt sie die Post mit.

Ein kurzer Blick durchs Glas ins Innere, eine Spinnenkontrolle (sie lauern manchmal in Augenhöhe, die perfiden Biester), zwei Schlüsseldrehungen, oft schon Essensgeruch, „Ciao, sono io!“, manchmal mag sie es nicht, das Heimkommen.



[inspired by.]


and this is my mind, it goes over and over the same old lies



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  1. I´ve got to say I´m more impressed than shocked…

    Und wieder kriegt mein künstlich überzüchtetes Heimweh einen Riss. Danke Liebes!


    Ana    Okt 31, 16:21    #

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