Sara
3. April 2006, 16:13.“Ich geh eine Runde machen.”
Der Satz ist fest eingebrannt ins Kollektivgedächtnis der gemeinsam verbrachten Teenagerzeit, favorisiert von der ringförmigen Architektur der Provinzstadtdisco. Er funktionierte aber genauso gut im langen, schlauchförmigen Pub, in dem die Samstagabende immer anfingen, oder am Vormittag in den hellen, offenen Gängen des Schulgebäudes.
Sie benutzte den Satz öfter als ich, weil es ihr nie etwas ausgemacht hat, sich allein durch Menschengruppen zu quetschen. Unter gehobenen Cocktailgläsern und durch dichte Rauchwölkchen hindurch, die vier Stufen mit dem grün fluoreszierenden Kantenband hoch, den Halbkreis entlang, die anderen vier Stufen – pink leuchtend, wenn von oben gesehen – wieder hinunter, irgendwann kam sie dann wieder am Ausgangspunkt an. Meistens dann, wenn ich bereits nervös ins verschwommene Dunkel hinein auf ihre baldige Rückkehr hoffte.
Ihr machte es nichts aus, mir umso mehr. Ich hasste das einsame Herumstehen mitten in der bunt beleuchteten, trotzdem dunklen Disco, wenn sie plötzlich beschloss, alleine “eine Runde gehen” zu wollen. Dass mein Herumstehen Einsamkeit und Unbeliebtheit signalisierte, davon war ich mit irrationaler Sturheit überzeugt. Bin es eigentlich heute noch. Alleine Runden machen, so wie sie es tat, das war nicht so schlimm. Da konnte ich so tun, als sei ich auf dem Weg zum Klo, oder als suche ich jemanden, oder – das Handy heuchlerisch in der Hand haltend – als müsse ich schnell nach draußen zum telefonieren. Aber Runden zu machen war ihre Zuständigkeit. Ich war die, die wartete.
Die lange wartete. Denn ihre Runden dauerten immer mindestens vier vom DJ dilettantisch gescratchte Lied-Übergänge. Ich mochte die Musik dort eigentlich nicht, es war nicht meine, aber wo hätten wir sonst die samstagabendlichen Höhepunkte der Jugend verbringen sollen. Jedenfalls blieb sie lange aus, weil sie viele Leute kannte, die sie genug mochten, um sich länger als eineinhalb Höflichkeitsminuten mit ihr zu unterhalten. Sie sagte manchmal zu mir: “Es ist so schön, wenn wir zwei ausgehen. Es passiert immer etwas!” Dieses etwas, das waren Beziehungskrisen oder kleine Einmalabenteuer, minutenfrische Pärchen oder jemand, der fremdging; und die Menschen hinter diesem etwas waren meistens solche, die sie besser kannte als ich, oder sie war es selbst.
Nur zu solchen Gelegenheiten war ich die Rundendreherin. Eine Weile lang stand ich neben ihr, während sie mit ihrem meist männlichen Gegenüber sprach oder flirtete und keiner der beiden besondere Anstalten zeigte, mich in die Unterhaltung einzubinden; dann verkündete ich meine Absicht, eine Runde zu machen, und erhielt manchmal eine Antwort, manchmal nicht. Ich bemühte mich immer, einen Kompromiss zu finden zwischen einem schnellen Vorbeihuschen, damit es so aussah, als strebte ich einem Ziel entgegen – und dem erforderlich langsamen Umherstreunen, weil sie ja ein bisschen Zeit allein mit dem wollte, der gerade das Privileg hatte, in die blauesten Augen der Stadt zu blicken. Ich legte jedes Mal einen Zwischenstopp am Klo ein, obwohl ich nicht musste und das aggressive weiße Licht, die viel zu großen Spiegel und die hübschen Lidstrichnachzieherinnen hasste, und versuchte auch dort immer, lang genug zu brauchen, um Zeit herauszuschlagen, aber nicht so lang, dass es den sich gefällig in den Spiegeln betrachtenden Glatthaarigen aufgefallen wäre.
Immer nahm ich dann den langen Weg, um zurückzukehren zum Ausgangspunkt. Manchmal erwartete sie mich schon grinsend und begann zu erzählen, und immer dann wusste ich, dass es egal war, wie viele Runden sie drehen wollte oder ich drehen musste: Ob der Grundriss rund war oder nicht, sie kam immer wieder bei mir an.
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Schön (erinnert, beobachtet, erzählt). :o))
— tibits Apr 3, 19:57 #
Auch von mir ein Lob…
— Morast Apr 4, 17:02 #
Nichts ist so schrecklich wie allein stehen gelassen zu werden. Da wünsche ich mir immer, Raucherin zu sein, dann hat man zumindest was zu tun. Aber das läuft zu Hause ja auch nicht mehr.
Schöner Text.
— gan Apr 4, 21:43 #
danke fürs lob. und gan: ich weiß mal wieder, warum wir uns verstehen.
— val Apr 4, 21:45 #
Eine Frage zum Bild. Ist das, dass Judendenkmal in Berlin? Als ich zuletzt da war, war es noch in Bau und ich hab es nur schemenhaft wahrgenommen.
— tibits Apr 8, 08:07 #
ja, das ist das (ein s :) holocaust-mahnmal. wenn man drinnen steht, ist es tatsächlich so hoch wie in den bildern, nur auf dem foto (also von außen) wirkt es so klein.
— val Apr 8, 19:02 #
Ja genau ein s, wie konnte ich nur. Mist. Fast noch mehr stört mich aber der große Bau ;o)
— tibits Apr 8, 22:57 #
Die Sitution ist wunderbar beschrieben – mein Kompliment
— Herbert Apr 11, 11:47 #