Bürgerstubenblues oder: die unerschütterliche Logik des Osterhasen.
14. Februar 2006, 16:44.An der dunkelbraun vertäfelten Wand, an drei goldfarbenen Haken, kleben sechs schwarze und ein grauer Handschuh und eine schwarze Mütze, die wahrscheinlich in den letzten paar Wintern verloren und nur halbherzig gesucht wurden.
Unterm Handschuhfriedhof steht die Kühlvitrine, mal mit Industrietiramisu gefüllt, mal mit Faschingskrapfen und Konditortorten, darauf ein Stapel Glasteller und ein Stapel Pappteller, jeweils mit gelben Servietten belegt, bereit zum Befülltundserviertwerden. Hässlich wie die großen Sonnenblumen aus Kunststoff, die neben der Kühltruhe stehen. Aber praktisch. Wer weiß, nach welchen Kriterien entschieden wird, welcher Gast Pappteller vorgesetzt kriegt und wer seinen Sahnekuchen auf Glas drapiert bekommt.
Der weiße Kachelofen mit den froschgrünen Einbuchtungen versperrt den Blick auf die Eingangstür und dominiert zusammen mit seinem Zwillingsbruder, der in der Ecke neben den Sonnenblumen steht, den großen, flachen, dunklen Raum mit den altrosa gepolsterten zerschlissenen Sitzbänken den und altblauen speckigen Tischdecken. Die Zwillinge sind beide kalt. Es ist überhaupt kalt. Es zieht, vielleicht am raumteilenden Ofen vorbei.
Mein Rücken entzückt hin und wieder eine schmale, in die Holzwand eingelassene Vitrine. Sie beherbergt Clowns und eine seltsame, altgriechisch anmutende, aber dafür zu bunte kleine Büste. Es hat sicher seine unerschütterliche Logik, dass die kleine Figur eine goldfarbene Armbanduhr auf dem Kopf trägt. Irgendwann hatte jemand einen Grund dazu, eine goldene Damenuhr auf den Kopf einer kleinen bunten Büste in einer Vitrine voller Clowns zu setzen. Vor allem, weil ja auf dem darüberliegenden Glasbord der Vitrine ein Prospekt lehnt, aufgeschlagen auf der Seite mit Informationen zur Magnettherapie. Unerschütterliche Logik.
Zwischen den schmuddeligen Tisch-Sitzgruppen-Ensembles, die wie kleine heimelige Inseln die Konsumierwilligen empfangen und sie dann mit stoischen Sitzbänken gemütlich umschließen, fand der Innenarchitekt anscheinend ausreichend Platz für verbindende Flächen, die in ihrer Waagrechten den Missbrauch zu simplen Ablageborden für vermeintlich dekorative Objekte regelrecht herausfordern.
Aus irgendeinem Grund steht da nämlich ein kleinkindsgroßer Osterhase.
Aus irgendeinem Grund hängt an der Wand ein hölzerner Elefantenkopf und tut so, als sei er eine zu klein geratene Jagdtrophäe.
Wahrscheinlich aus dem selben Grund sitzt unter dem Elefanten ein fröhliches Trio Porzellangänse.
Es gibt eine Ecke, es ist fast ein Herrgottswinkel, in dem ein paar Weinflaschen stehen. Der Gasthauseröffnungswein zum Beispiel. Und eine Flasche mit den Konterfeis eines Hochzeitspärchens auf der Etikette. Wer weiß, wann die Hochzeit war. Wer weiß, ob Kinder produziert wurden. Wer weiß, ob sich die Vermählten nicht inzwischen hassen und sehnsüchtig an Zeiten zurückdenken, in denen sie zusammen in bunten Jacken von der Etikette ihres Hochzeitsweins heruntergrinsten.
Die Theke ist die Burg des Wirtes, der in seiner Person das eigentliche Dorfzentrum beherbergt, und seiner Wirtin, neben deren imposanter Statur der Hausherr manchmal nur wie ein Herrchen wirkt. Die Theke birgt Geheimnisse, schützt jahrelang sich etablierte Arbeitsgriffe vor neugierig-trunkenen Blicken und stützt die Wankenden in ihrer Not.
Natürlich gibt es Spielkarten. Streng heimatgebundene allerdings.
Natürlich gibt es Zeitungen. In einer begrenzt weltoffenen Mischung, immerhin. Deutsche und italienische, harmonisch über- und untereinander gestapelt; die Todfeinde FF und Dolomiten in inniger papierner Umarmung; die Bild am Sonntag und ihr Möchtegerndouble Zett Ente an Ente.
Das eindringlichste aber ist der Geruch. Geruch nach alten, tausendmal ausgespülten Espressotassen. Nach dem seit zehn Jahren selben Putzmittel. Nach speckigen Spielkarten und abgegriffenen Zeitschriften. Nach Rotwein und Eistee und Kakao und den Zitronenscheiben fürs Mineralwasserglas. Nach hunderten aus dem Ofen geschlüpften Pizzen, die hier aber als Pizzas das schummrige Licht der Welt erblicken, in diesem Universum namens Dorfwirtshaus, das sie nur kurz lebendig genießen dürfen, während ihr Henker Franz sie mit flinkem Schritt, erfahrenem Kellnergriff und wehendem Schurz ihrem Schicksal serviert.
Es gibt hunderte dieser Wirte namens Franz. Hunderte dieser holzvertäfelten, kitschgeschmückten Dorfzentren mit deutschitalienischen Kartenspielern und Macchiatotrinkern. Viel besser, als es die postmodern bemöbelten Segafredos und Grissinos und Boulevards des Landes jemals könnten, sind sie, die Bürgerstuben und Plosebars, die perfekte Metapher.
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dieses schaurig-wohlige gefühl des in-der-provinz-sitzen vermisse ich in wien, wenn ich so tue als würde ich in einer weltstadt leben. aber das ist eine andere geschichte. ... then after dinner I went looking for booze, art and women, with scarce luck concerning the latter two …
— r. Feb 14, 19:53 #
Kleine unsachliche Kritik: In manchen Sätzen könnten es ruhig ein paar Füllworte weniger sein; zielstrebiger auf den Punkt kommend.
Aber das liegt wohl alles daran, dass ich solche Orte samt mitgeliefertem Gefühl nicht wirklich kenne. Kann aber auch sein, dass das gelogen ist und ich sowas nur vehement verdränge. ;o)
— tibits Feb 15, 08:48 #
schaurig-wohlig. ja, that’s the word. manchmal mehr schaurig, dann wieder mit tendenz zum wohligen. meistens aber einfach nur schizophren. anyway.
tibits: das problem bei dieser geschichte ist, dass es nicht wirklich den punkt gibt, auf den ich zielen könnte, oder besser: er ist zu flüchtig, um ihn mit halb so vielen worten festzunageln.
mir ist aber durchaus bewusst, dass mein stil ein gutes stück weniger pomp und geschwollenheit vertragen würde. aber in meinem blog darf ich mir das erlauben; für zeitungen schreibe ich natürlich anders und für uni-arbeiten auch. einen klaren unterschied zwischen den drei stilen zu behalten und doch in jedem unverkennbar zu sein, das ist mein hehres ziel, um bei der pompösen ausdrucksweise zu bleiben.
— val Feb 15, 11:51 #
Ein leiser Hauch von Decadence, von schillerndem Pomp und barocken Schnörkeln kann die Lesefreude durchaus auch steigern. Mir hat’s sehr gut gefallen. Chapeau! :)
— Ole Feb 15, 17:10 #
@tibits: Bauernbarock darf man nicht auf den Punkt bringen. Das wäre Kulturquälerei. (Vielleicht würde ich dir im dritten Absatz nach zähen Verhandlungen, vereinzelt ein kleines bisschen Recht geben, wenn du nicht du wärest)
@val: Yeah, ein neuer alter Header und ein laaanger wunderbarer Blogeintrag. Das entschädigt mich ja fast für deine Dauerabwesenheit hier – nicht, dass das jetzt deshalb zur Gewohnheit werden darf. ;-)
Deinetwegen habe ich gestern von einer potthässlichen kleinen Plastikpuppe mit einer hektisch tickenden Uhr auf dem Kopf geträumt. Aber ich verzeihe dir großmütig (außer sie sucht mich ab jetzt regelmäßig heim – vielleicht solltest du dich in deinem Impressum noch gegen Klagen aufgrund von blogbedingten Dorfalbträumen absichern.).
— aschantinuss Feb 15, 17:54 #
@val: “Es zieht, vielleicht am raumteilenden Ofen vorbei.” Wer zieht? Und wieso vielleicht? Und wie teilt der Ofen den Raum wenn er einen Zwilling hat? Mir fehlt gänzlich das räumliche Vorstellungsvermögen. Aber du hast schon recht. Punktlose Texte sind schwer auf den Punkt zu bringen. :o)
@aschantinuss: Was bedeutet ”...wenn du nicht du wärest”???
Kann es sein, dass du die Gratwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr schaffst? ;oP— tibits Feb 15, 19:40 #
@tibits: Dir darf ich aus pädagogischen Gründen niemals rechtgeben. Mit Zustimmung kannst du einfach nicht umgehen. Das würde dir sofort zu Kopf steigen und du wärest monatelang unleidlich.
In Österreich sagt man aber doch “Es zieht”?.?.?. Die D-dörfler bessern dir das evt. nur immer aus um dich zu ärgern bzw. vielleicht auch aus pädagogischen Gründen.
— aschantinuss Feb 15, 20:17 #
aus irgendeinem grund sind die grindigsten plätze immer die gemütlichsten…
— gabi Feb 16, 00:09 #
@aschantinuss: Aha. Da ich gerade dein rechtgeben sehe, ich las gestern die abschließende Arbeit des Rats für die deutsche Rechtschreibung zum Thema Groß- und Kleinschreibung. Zusätzlich empfehle ich dir die Änderungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung zu lesen. Ob es mit all den neuen Regeln jetzt allerdings noch einfacher wird? Zumindest führten sie jetzt zu so vielen Sachen ein sowohl, als auch ein, dass man kaum noch etwas falsch machen kann (ich schaffe es trotzdem, speziell bei der Kommasetzung) ;o)
— tibits Feb 16, 09:12 #
@tibits: Bevor ich mir überlege, ob ich Recht schreibe oder rechtschreibe, warte ich doch noch die nächsten paar Nachreformen ab. Diese Provisorien sind Zeitverschwendung (Sorry, Zeit-Verschwendung).
— aschantinuss Feb 16, 17:18 #
@tibits: Es zieht. Es herrscht ein kalter Luftzug. Kalte Luft zieht durch den Raum. Na komm, den Ausdruck gibts sogar in der Schriftsprache, da bin ich sicher. Zweitens: Vielleicht zieht die kalte Luft, die ich spüre, am Ofen vorbei, vielleicht aber auch vom Fenster her, oder sie kommt aus der Kaffeemaschine, das weiß man ja nicht. Deshalb “vielleicht”. Und letztens: Nur weil der raumteilende Ofen einen Zwilling im selben Raum hat, heißt das nicht, dass der Zwilling genau neben dem ersten Ofen stehen muss. Dann wären es ja siamesische Zwillinge. Sind sie aber nicht. Der eine Zwilling steht mitten im Raum und teilt ihn deswegen, der andere Zwilling steht in der Ecke neben der Kühlvitrine und den Sonnenblumen. Alles klar? Soll ich dir einen Grundriss malen? ;-)
[Warum verteidige ich mich eigentlich?]
— val Feb 16, 17:43 #
@aschantinuss: Der Rat der deutschen Rechtschreibung hat seine Arbeit bereits beendet. Was natürlich nicht heißt, dass jetzt alles vorbei ist. Trotzdem, die Frankfurter Allgemeine spricht positiv von den Nachbesserungen und zeigt sich versöhnlich und das Land NRW, eins der beiden letzten die die NDR noch nicht verbindlich eingeführt hatten, hat die Eingaben des Rats akzeptiert und die NDR nun ebenfalls angenommen. Also kein Provisorium mehr.
— tibits Feb 16, 19:20 #
@val: Hey, du musst dich nicht verteidigen. ;o) In diesem Satz war mir das “Es zieht” gar nicht unklar, das ist mir wohlbekannt. Mich hat das “vielleicht” und der “raumteilende Ofen” irritiert. Aber du hast es mir schulmeisterlich erklärt, somit kannst dir den Grundriss sparen. :o) Ich habe übrigens eine Möglichkeit gefunden meine Sternchen zurückzubekommen. *fg* Ist halt kursiv, aber besser als nichts. ;o)
— tibits Feb 16, 19:26 #
Keine stilistischen Anmerkungen. Nur Liebe. Für den Satz mit der Tasse. Wer, wann, warum?
— gan Feb 22, 15:29 #
Gan, ich dachte mir schon, dass dir der Satz gefallen könnte. Er ist von Heinrich Böll, aus seiner Satirensammlung “Nicht nur zur Weihnachtszeit”, und erzählt wunderschön die abenteuerliche Lebensgeschichte einer Kaffeetasse.
— val Feb 23, 11:53 #
Dankeschön.
— gan Feb 24, 10:43 #