Stationen.
29. Januar 2006, 18:41.
Es ist ja so, dass wir auf die Welt purzeln mit einem unbegrenzten Selbstbewusstsein und die nächsten zehn bis achtzehn Jahre damit verbringen, uns zu demontieren und desillusionieren zu lassen.
In einem meiner Lieblingsbücher sieht sich das Baby Amélie als Gott, nein, sie ist Gott, der Ursprung und das Ende allen Lebens, zufrieden in gleichgültiger Unendlichkeit dahinvegetierend.
Ob ich mich als Gott sah, weiß ich nicht mehr. Aber der Mittelpunkt der Erde war ich ganz bestimmt, wir alle sind das am Anfang – aus unserer logischen Ichperspektive heraus. Glühende Lava sind wir, voll zerstörerischer Kraft, aber sie nicht einsetzend, weil alles gleichgültig ist.
Jedenfalls beginnt danach der Verfall. Es wird langsam wichtiger, was die anderen von uns denken, und was wir denken, dass sie von uns denken, wird langsam hässlicher.
Es hängt natürlich davon ab, wie dicklich und pickelig wir sind, wie buschige Augenbrauen, wie dumpfe Haare und wie dicke Brillen wir haben, und wie sehr wir zu den Beliebten der Schule nicht dazugehören.
Irgendwann beginnen wir uns aufzuraffen, nehmen ab, töten Pickel, zupfen Augenbrauen, schminken besser, tragen Linsen, aber demontieren uns paradoxerweise trotzdem weiter.
Und dann kommt die Stunde der tabula rasa, möge sie Universität oder Arbeitsplatz heißen. Wir nehmen uns vor, von null anzufangen in einer neuen Stadt, in der niemand Vorgefertigtes von uns denkt, in der wir uns neu erfinden können, als suchten wir unser nächstes Faschingskostüm aus: humorvoll, oder sexy? oder vielleicht intellektuell, oder gar angsteinflößend? Wir kostümieren uns und kommen doch nicht aus unserer Haut heraus.
Blicken nach einem Jahr zurück und merken, dass wir immer noch wir sind, immer noch rot anlaufend, wenn wir uns in einer Lehrveranstaltung melden – aber zumindest nicht mehr so oft und nicht mehr ganz so rot. Blicken nach zwei Jahren zurück und stellen fest, dass wir noch immer wir sind, beliebte und hübschere Mädchen grundlos hassend, obwohl wir inzwischen darüber stehen müssten – aber zumindest nicht mehr ständig.
Zuerst ging unsere Zeitrechnung nie weiter als bis zur nächsten Mahlzeit, oder vielleicht dem nächsten Windelwechsel; dann lebten wir immer aufs Ende des Schuljahrs hin, dreizehn Jahre lang; und am Ende war da immer noch die Matura als Mauer, über die wir nicht blicken brauchten. Danach, unsicher trotz staatlich beglaubigter Reife, finden wir ein Wegchen und werden uns bis zum Tod nicht sicher sein, ob es das richtige war; finden jedenfalls das Wegstück und gleichzeitig neue Markierungen in der Zukunftsrechnung – sogar kürzere, denn nun sehen wir bis zum Semesterende und nicht weiter, sind wieder halbwegs zufrieden und leben vor uns hin, ohne Perspektive, aber zumindest ein zeitliches Ziel vor Augen.
Bis wir plötzlich erschreckt innehalten, weil uns bewusst wird, dass uns bald die Semester ausgehen.
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bevor ich weggefahren bin, hat eine kollegin, die für ein halbes jahr in holland war, gemeint, dass ich wirklich die möglichkeit habe, jemand ganz anderes zu sein und dass der erste eindruck, den die leute von mir haben, entscheidend dafür sein wird, mit welchen menschen ich mich anfreunden werde. tja, das klang einerseits ganz gut und andererseits machte es mich auch unsicher. denn was, wenn ich nicht gut bin bei ersten eindrücken (kennt ihr diese friends folge?).
jetzt, mittlerweile 4 wochen hier, bin ich ich. die leute, mit denen ich mich umgebe, sind wie jene freundInnen, die ich zuhause habe. die leute, die ich meide, kennzeichnen jene eigenschaften, die ich noch nie an menschen mochte. vom wilden “einmal anderssein” keine spur mehr.
— gabi Jan 30, 09:49 #
es verhält sich ja ganz lustig mit der selbstdarstellung: einerseits versucht man ein möglichst tolles bild von sich aufzubauen, denn entscheidet man sich wieder mal für stille größe, nutzt das stilmittel der umgekehrten beweihräucherung, macht sich selber kleiner als man ist um dann paradoxerweise bestätigt zu bekommen wie toll man doch ist, ja und vor allem richtet man sich nach seinem gegenüber (so man menschen grundsätzlich mag, misantropen die menschen grundsätzlich nicht mögen kehren natürlich alles um).
lustigerweise schreibt Freud daß sich das Ego in ganz frühen jahren eigentlich durch fremdeinwirkung formt. wir sehen uns ja in den seltensten fällen selbst (außer man ist spiegelfetischist) und so müssen die anderen als spiegel für einen selbst herhalten – man formt sich also nach deren abbild. wir sitzen wie affen vor einem spiegel und genieren uns vor uns selbst. aus bruchstücken anderer die wir aus dem augenwinkel heraus erhaschen (_warum starrt der/die mich so an?_) basteln wir unser behelfsmäßiges ego-puzzle. fehler vorbehalten, flexibilität ist gefragt. was kommt an? was nicht? nachzulesen in der erstbesten joy oder elle oder glamour oder men’s-health (chi piú ne ha piú ne metta)... uns so ist niemand eigentlich er selber. alles buchstäblicher selbstbetrug. alles läuft im endeffekt auf ein wechselspiel heruas, jeder äfft jeden nach und wer sich besonsers unterscheiden will von den anderen imitiert gezielt eben das nicht was ihm passt – emulatio ex negativo …
aber jetzt schließe ich
— r. Jan 30, 10:48 #
sich selbst kleiner zu machen um zu hören wie toll man ist… ist das wirklich paradox? ich finde das eine logische, gewollte vorgehensweise!?
und ich forme mich auch nicht nach dem abbild anderer, sondern höchstens nachdem, was dieses andere abbild von mir hält, oder wie es mich haben möchte bzw. wie ich denke dass es mich haben möchte.—- ist dieser Satz korrekt so? wenn nein…ist angekommen was ich sagen möchte? :o)
ich musste ja schon schmunzeln bei dem text…kannst du mir erklären warum verdammt nochmal man sich selbst aber immer am meisten demontiert und so viele andere vor selbstbewusstsein nur so strotzen? oder sieht man die demontage bei sich selbst nur viel intensiver als sie ist? Oder sieht man sie bei den anderen weniger intensiv als sie ist?
— simon Jan 30, 22:45 #
der stamm zum ast, der ast zum zweig, der zweig zum blatt, das blatt …
— agathe Jan 31, 14:51 #
erstmal und ganz einfach: val du hast recht.
dann zum kommentar vom herrn mitblogger (der dativ ist dem genitiv sein tod, also richtiger “des herrn mittbloggers”) simon:
interessant dass du dich jetzt im kommentar auch selber demontierst…weil du fragst ob der satz so richtig ist.
— wastl Feb 1, 00:35 #
off topic: wo kommt denn plötzlich die ente her? und hat sie eine tiefere bedeutung?
— gabi Feb 1, 17:26 #
nochmehr offtopic: gabi, ist das papier eigentlich runtergegangen oder wie sieht das Leibchen jetzt aus?
(die Frage hat akute Aktualität)
— gan Feb 1, 22:40 #
also das papier is noch nicht ganz ab, aber es is schon tragbar, wie ich euch auch bald beweisen werde…
— gabi Feb 2, 00:41 #
Oh my god, these pictures, oh my god. Seriously, where’s the Roger? Guckst du hier
— davus Feb 2, 11:26 #
und wer hat’s (er)g’funden?
:-)
“We set the terrorism alert level to yellow… that means that sometimes, somewhere , something might possibly go off, somehow.” ... “Bin Laden, is it you?”
— r. Feb 2, 12:39 #